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Autoren: Dr. Heinz Stutzenberger und PD Dr. Timm Greulich

Für an COVID19 erkrankte Risikopatienten steht seit einigen Wochen das Medikament Paxlovid des US-Pharma-Herstellers Pfizer auch in Deutschland bereit, das schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle in dieser Patientengruppe signifikant verringern kann1. Als Risikopatienten sind in diesem Zusammenhang u.a. auch solche mit Lungenkrankheiten zu sehen, und damit auch Alphas, deren Alpha1-Antitrypsin-Mangel sich bereits in klinisch signifikanten Auffälligkeiten der Lunge manifestiert hat.

In klinischen Studien der Phasen 2 und 3 mit Paxlovid an ungeimpften Personen hat sich herausgestellt, dass das Risiko eines schweren Verlaufes mit Krankenhauseinweisung, Intensivbehandlung oder Tod um nahezu 90% gegenüber der Placebo-Gruppe reduziert ist, wenn die Behandlung ausreichend früh begonnen wird (spätestens am fünften Tag nach Auftreten der ersten Symptome, besser am dritten Tag)2. Am Tag 5 der Behandlung war die Abnahme der Viruslast 10-fach stärker als in der Placebo-Gruppe. Beobachtete Nebenwirkungen (Beeinträchtigung des Geschmackssinns, Durchfall, Erbrechen und Kopfschmerzen) waren milde und vorübergehend. In einer weiteren Studie, an der auch Geimpfte teilgenommen haben, waren die Ergebnisse nur unwesentlich schlechter; da die Studienergebnisse aber noch nicht im Detail veröffentlicht wurden, lässt sich der Einfluss des Impfstatus auf das Behandlungsergebnis im Moment noch nicht ermitteln. Aufgrund der überaus positiven Ergebnisse bekam das Medikament in USA eine vorläufige Notzulassung. Eine solche wird dann erteilt, wenn die Resultate in klinischen Studien bereits vor dem formellen Abschluss aller im Voraus festgelegten Bewertungsschritte so überzeugend sind, dass es ethisch nicht vertretbar wäre, Erkrankten die Behandlung vorzuenthalten, weil der bereits erkannte Nutzen eventuell noch verborgene Restrisiken weit überwiegt.

Wie die Kassenärztliche Vereinigung mitteilt, ist das Medikament seit Ende Januar in der EU zugelassen1, und zunächst wurden für Deutschland 40.000 Behandlungseinheiten bestellt. Laut Ärzteblatt vom 02.08.2022 dürfen Ärztinnen und Ärzte künftig unkompliziert das COVID19-Medikament Paxlovid verschreiben3. Die Bereitstellung des Medikamentes wird über die Apotheken erfolgen.

Allerdings können nicht alle Risikopatienten in den Genuss der positiven Wirkung dieses Medikamentes kommen: während die Nebenwirkungen (wie bereits oben gesagt) wenig kritisch erscheinen, kann es zu massiven Wechselwirkungen mit bestimmten anderen Medikamenten kommen. Diese rühren daher, dass ein Bestandteil von Paxlovid Aufnahme und/oder Abbau der Wirkbestandteile besagter Medikamente beeinflussen kann, was dann in Folge zu einer unangepassten Wirkstoffkonzentration im Blut der Patienten führt. Der Beipackzettel von Paxlovid listet deshalb eine längere Zusammenstellung von Inhaltsstoffen und Medikamenten auf, die sich mit Paxlovid nicht vertragen und die im Folgenden in Auszügen widergegeben ist4:

  • Alfuzosin (zur Behandlung der Symptome einer vergrößerten Prostata)
  • Pethidin, Piroxicam, Propoxyphen (zur Schmerzlinderung)
  • Ranolazin (zur Behandlung von chronischen Brustschmerzen [Angina pectoris])
  • Neratinib, Venetoclax (zur Behandlung von Krebs)
  • Amiodaron, Bepridil, Dronedaron, Encainid, Flecainid, Propafenon, Chinidin (zur Behandlung von Herzerkrankungen und zur Korrektur von Herzrhythmusstörungen)
  • Fusidinsäure, Rifampicin (zur Behandlung bakterieller Infektionen)
  • Carbamazepin, Phenobarbital, Phenytoin (zur Vorbeugung und Kontrolle von Krampfanfällen)
  • Colchicin (zur Behandlung von Gicht)
  • Astemizol, Terfenadin (zur Behandlung von Allergien)
  • Luradison (zur Behandlung von Schizophrenie)
  • Pimozid, Clozapin, Quetiapin (zur Behandlung von Schizophrenie, bipolarer Störung, schweren Depressionen und abnormen Gedanken oder Gefühlen)
  • Dihydroergotamin und Ergotamin (zur Behandlung von Migränekopfschmerzen)
  • Ergometrin und Methylergometrin (zur Stillung übermäßiger Blutungen, die nach einer Entbindung oder einem Schwangerschaftsabbruch auftreten können)
  • Cisaprid (zur Linderung bestimmter Magenbeschwerden)
  • Johanniskraut (Hypericum perforatum) (ein pflanzliches Mittel zur Behandlung von Depressionen und Angstzustände)
  • Lovastatin, Simvastatin, Lomitapid (zur Senkung des Cholesterinspiegels im Blut)
  • Avanafil, Vardenafil (zur Behandlung von Erektionsstörungen [auch als Impotenz bezeichnet])
  • Sildenafil zur Behandlung der pulmonalen arteriellen Hypertonie (hoher Blutdruck in der Lungenarterie)
  • Clorazepat, Diazepam, Estazolam, Flurazepam, Triazolam, Midazolam oral eingenommen (zur Linderung von Angstzuständen und/ oder Schlafstörungen)

Bei den genannten und weiteren hier nicht aufgeführten Medikamenten muss der betreuende Arzt im Einzelfall entscheiden, ob diese zugunsten der Einnahme von Paxlovid abgesetzt werden können oder ein anderes Medikament gegen COVID19 angewendet werden kann.

In diesem Zusammenhang ist für viele Alphas von besonderem Interesse: Eine Übersicht der Fachgruppe für Intensivmedizin, Infektiologie und Notfallmedizin COVRIIN am Robert Koch-Institut weist darauf hin, dass auch die Behandlung mit Inhalativen Kortikosteroiden, z.B. Fluticason, Budesonid, Triamcinolon, ggf. und nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt pausiert werden muss5.

Auch bei Transplantierten kann das Medikament nicht ohne weiteres angewendet werden: die Wirkung der Mittel zur Vermeidung der Organabstoßung (z.B. Cyclosporin, Tacrolimus, Everolimus) wird ebenfalls durch die Paxlovid-Einnahme beeinflusst, weswegen diese ggf. ebenfalls pausiert oder nur mit streng kontrollierter, angepasster Dosierung weiter genommen werden können5,6,7. Transplantierte dürfen deshalb Paxlovid keinesfalls ambulant einnehmen, sondern – wenn überhaupt –  nur im Einzelfall im Rahmen eines klinischen Aufenthalts und in enger Absprache mit dem Transplantationszentrum8.

Was wir deshalb allen unseren (nicht transplantierten) Alphas in Bezug auf COVID19 raten:

Frau mit FFP2-Maske im Supermarkt
Frau bekommt Grippeimpfung
  • tragen Sie weiterhin eine FFP2-Maske, insbesondere in Innenräumen mit einer hohen Personendichte
  • besprechen Sie mit Ihrem Pneumologen, ob ein erneuter Booster gegen SARS-CoV-2 für Sie sinnvoll ist
  • lassen Sie sich auch gegen Grippe impfen, sobald die Impfstoffe für die Saison 2022/2023 zur Verfügung stehen (typischerweise ab Oktober); für über 60-jährige wird es in diesem Jahr zwei Impfstoffe mit Unterschieden in der Dosierung geben9; lassen Sie sich dazu ggf. von Ihrem Arzt beraten; grundsätzlich können mittlerweile Grippe- und COVID19-Impfung gleichzeitig erfolgen10, auch bei Verwendung der für Ältere empfohlenen Hochdosis-Grippe-Schutzimpfung11
  • achten Sie bei sich auf die typischen COVID19-Symptome (Husten, Fieber, Schnupfen, Halsschmerzen sowie Störungen des Geruchs- und/oder Geschmackssinns, aber auch Atemnot, Kopf- und Gliederschmerzen, allgemeine Schwäche oder auch Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Appetitlosigkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall)12; lassen Sie sich beim Auftreten dieser Symptome unverzüglich testen bzw. testen sich selber; bei negativem Testergebnis, aber fortdauernden Symptomen, sollten Sie sich auch an den Folgetagen testen und sich im Zweifelsfall mit Ihrem Arzt in Verbindung setzen
  • bei einem positiven Testergebnis
    • setzen Sie sich umgehend mit Ihrem Arzt in Verbindung
    • sprechen Sie ihn unter Hinweis auf Ihren Alpha1-Antitrypsin-Mangel auf die Möglichkeiten der Behandlung mit Paxlovid an, in dem mittlerweile doch sehr unwahrscheinlichen Fall, dass er das Thema nicht von sich aus anspricht
    • informieren Sie Ihren Arzt dabei über alle Medikamente, die Sie zum aktuellen Zeitpunkt einnehmen, insbesondere auch solche, die andere Ärzte Ihnen verordnet haben
    • falls Ihnen Paxlovid verordnet wurde, dann befolgen Sie bitte strikt die Anweisungen Ihres Arztes bezüglich der Einnahme oder Pausierung Ihrer üblichen Medikamente während der Paxlovid-Behandlung

Anmerkung der Redaktion

Die EMA  hat eine Liste der in der Europäischen Union (EU) zugelassenen Impfstoffe und Therapeutika zur Vorbeugung oder Behandlung von COVID-19 veröffentlicht (Mitteilung vom 6.8.22). Auch die vfa hat eine gute Zusammenfassung über den Aktuellen Stand der für Covid-19 zugelassenen Medikamente.
Wir weisen deutlich darauf hin, dass dies der jetzige Stand ist und der Patient stets bei seinem Arzt nachfragen soll, was es neues zur Behandlung gibt.

  1. https://www.pfizer.com/news/press-release/press-release-detail/pfizer-announces-additional-phase-23-study-results
  2. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/136392/Hausaerzte-sollen-15-Euro-fuer-Abgabe-von-Paxlovid-erhalten
  3. https://www.kbv.de/media/sp/2022-02-22_Paxlovid_Gebrauchsinformation_Patienten.pdf
  4. https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/COVRIIN_Dok/Arzneimittelwechselwirkungen_Paxlovid.pdf?__blob=publicationFile
  5. https://www.ajkd.org/article/S0272-6386(22)00029-4/fulltext
  6. https://www.medpagetoday.com/transplantation/transplantation/98708
  7. http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Transplantationszentrum/de/index.html
  8. https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/Impfen/Influenza/Hochdosis-Impfstoffe/FAQ_Uebersicht.html
  9. https://www.pharmazeutische-zeitung.de/grippe-und-corona-impfung-gleichzeitig-moeglich-128351/
  10. https://www.infektionsschutz.de/coronavirus/basisinformationen/symptome-und-krankheitsverlauf/#:~:text=H%C3%A4ufige%20Symptome%20bei%20Infektionen%20mit,Magen%2DDarm%2DSymptome%20auftreten

Alle Internetquellen abgerufen Anfang August 2022

Fotocredits: Paxlovid: Cryptographer / Shutterstock.com; Schnelltest: nitpicker / Shutterstock.com; Impfung: diy13 / Shutterstock.com; FFP“ im Supermarkt: Kzenon / Shutterstock.com.

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